Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

 

 

 

 

 

World Toughest Mudder und was davor geschah (2)

Veröffentlicht am 28.12.2015

4. World Toughest Mudder: 

Knapp 3 Wochen nach dem Marathon ging es nun nach Las Vegas.  Schon einige Monate zuvor hatte ich für mich entschieden, dass dies mein letztes Hindernisrennen werden würde. Ich dachte dieses Rennen noch zu finishen, würde einen ehrenvollen Abgang darstellen, da ich ja schließlich hier zwei Jahre zuvor in Führung liegend mit gebrochenem Sprunggelenk aussteigen musste.

Da ich diesmal aber nicht auf den Sieg aus war, dachte ich mir, dass 2 Tage zum Akklimatisieren reichen müssten. Wenn ich eh 24h rennen muss, ist es auch egal, was ich für einen Schlafrhythmus habe, Hauptsache ich hatte genug Schlaf zuvor. In einer netten Suite im Venetian Hotel am Strip gelang mir das auch ganz gut. Ich schaffte es sogar nur 30$ beim Blackjack zu verzocken. War gar nicht so einfach.

Beim Abholen der Startunterlagen traf ich dann auf all die verrückten Amerikaner. Man muss nämlich wissen, dass von den ca.1200 Startern gefühlte ¾  nur mitmachten um sich das Finisher-Stirnband für das Facebook-Profilfoto aufzusetzen. Wenn man den Unterhaltungen zuhörte, musste man allerdings glauben, es wären ausschließlich Profis am Start.  In etwa so ähnlich wie bei einem Triathlon bei uns.

Mir ist es auch wirklich rätselhaft wie man sich teilweise mit einem BMI von geschätzt 28 zu einem 24h-Lauf anmelden kann. Es ist natürlich besser als zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und TV zu gucken, aber vielleicht sollte man kleiner anfangen. Als ich dann allerdings gesehen habe, was die Jungs (und Mädels) teilweise an Equipment für die Pitzone aufgefahren haben, wurde mir alles klar (Anm.: die Pitzone ist die Zone, wo jeder Teilnehmer ein Zelt aufbauen kann und hier jede Runde an seine Wechselklamotten und Verflegung kommt). In diesem Jahr waren auch gleich 2 Personen als Pitcrew erlaubt. Das heißt:  Kühlboxen mit palettenweise Bier und stapelweise Pizza. Wer das bei den Amis so beliebte Tailgating beim Football kennt, der kann sich in etwa vorstellen wie das ganze aussah.

Start war dann um 14h mitten in der Mittagshitze. Die erste Stunde bis 15h sollte ohne Hindernisse gelaufen werden, um das Feld auseinanderzuziehen und Staus an den Hindernissen zu vermeiden. Direkt nach Verklingen der obligatorischen amerikanischen Hymne ging es los.  So wie alle anderen war ich natürlich heiß wie Frittenfett und bin viel zu schnell losgerannt. Wie erwähnt war es ziemlich heiß, keine Hindernisse, die einen stoppten oder kühlten und erstaunlich viele Höhenmeter verteilt auf viele giftige kurze Anstiege. Zu dem Zeitpunkt war mir das natürlich komplett egal und freute mich als es dann um 15h endlich mit den Hindernissen losging.

Und hier muss ich mal den Leuten vom Tough Mudder ein Riesenkompliment machen: Sie machen definitiv die aufwändigsten und einfallsreichsten Hindernisse, die ich kenne. Alleine diese Hindernisse sind die Reise nach Vegas wert. Auf Youtube gibt es jede Menge Beweisvideos.

Am meisten in Erinnerung habe ich natürlich/leider die  Hindernisse, die am schwersten waren. An Nummer 1 ist da der King of Swinger(Beschreibung bitte auf Youtube/Google suchen). Nur soviel dazu: wenn man es schafft, bekommt man jede Runde einen Goldenen Karabiner verliehen, mit dem man dann ein anderes Hindernis nicht zu absolvieren braucht. Ich hatte mir vorher die geniale Strategie überlegt die Karabiner zu sammeln und sie dann am Schluss in den letzten Runden, bei denen ich am müdesten bin, einzusetzen. Tja...., ich habe dann keinen einzigen bekommen. Und wenn ich einen bekommen hätte, hätte ich ihn als Trophäe mit nach Hause genommen. Die verfluchten Griffe waren einfach zu schmierig vom Schlamm, bzw. meine Griffkraft einfach zu schwach.

Als 2. bleibt in Erinnerung der Everest 2.0 Hier musste ich auch meine einzigen Strafmeter machen.  Es gab als ein Hindernis den altbekannten Everest 1.0 als simple Quarterpipe wie z.B. auch beim Urbanathlon und als Alternative den Everest 2.0. Diese Quarterpipe war deutlich höher, steiler und vor allem oben abgerundet, sodass man sich nur sehr schwer festhalten konnte. Man konnte frei wählen, wo man hoch wollte. Nur: beim 2.0 ging es direkt weiter, beim 1.0 ging es in die Strafrunde von ca 300m. Die ersten paar Runden bin ich die 2.0-Version gut alleine hochgekommen, danach einige Runden nur mit Hilfe (hier auch danke an Team Getting Tough). Irgendwann wurde auch das schwer und es erschien mir dann schneller den einfachen Everest 1.0 alleine ohne Hilfe zu nehmen und die 300m zu laufen, bevor ich  zigmal ergebnislos den 2.0er hinunterrutschte.

 

Gegen 17 Uhr wurde es recht schnell dunkler und damit auch merklich kühler (wir sind in der Wüste!). Daher wechselte ich in den Neoprenanzug und die Stirnlampe musste auf den Kopf (Anm.: Übrigens gar nicht so einfach eine lauftaugliche,  komplett!!! wasserdichte Stirnlampe aufzutreiben).

Anfangs lief es wirklich sehr gut. Ich bin zwar irgendwann dazu übergegangen berghoch zu gehen und nur bergab und in der Ebene zu laufen, so dass sich meine Rundenzeiten von etwa 1h auf 1,5h verschlechterten, aber ich stand nach etwa 8h Rennzeit auf Platz 6 der Gesamtwertung. 

Aber dann wurde es gegen Mitternacht  richtig schlimm: Mit einen Mal hatte ich fiese Knieschmerzen, so dass mir selbst das Gehen schwer fiel, zusätzlich fühlte ich mich sehr müde und durch das langsame Gehen wurde mir auch ziemlich kalt. Als ich dann noch fast die Hindernisse herunterfiel, habe ich die Sicherheitsvariante gewählt, warm geduscht, trockene Sachen angezogen, etwas Ordentliches gegessen und mich für ein paar Stunden aufs Ohr gelegt (Anm.: meine Hochzeit sollte eine Woche später stattfinden und meine Frau hatte mir üble Sachen angedroht, sollte ich wieder mit einem gebrochenem Bein von dem Rennen zurückkehren)

Also war ich von ca. 1:30 Uhr bis 7:00 Uhr aus dem Rennen. Als ich dann morgens wie neu geboren wieder losgelaufen bin, hatte ich eine wesentlich bessere Laune. Richtig warm wurde es zwar nicht mehr und ich bin bis zum Ziel um kurz nach 15h weiter im 3mm-dicken Neo gelaufen. Erstaunlicherweise hatte ich mir nur eine Kniekehle etwas wundgescheuert.

 

Als Fazit musste ich feststellen, dass es mir immer noch sehr schwer fällt, nicht in der Lage zu sein, bei einem Wettkampf um das Podium mitzulaufen. Dementsprechend wollte ich, nach meinen 70 Meilen und 26. Platz, mich direkt fürs nächste Jahr anmelden.  Zum Glück habe ich dies nicht getan, denn seit dem Rennen vor nun mittlerweile 6 Wochen bin ich genau einmal eine halbe Stunde gelaufen und mir ist klar geworden, dass der Abschied von meiner Wettkampfsportkarriere absolut richtig war.

Aber wer weiß? Velleicht komme ich so in 20 Jahren in der Midlife-Crisis als überehrgeiziger Agegrouper zurück (-: